Kapitel 17: Das Weihnachtsbaumfällen
Es war ein jener klaren, knackig-kalten Novembermorgen, an denen die Luft so frisch ist, dass man beim Einatmen fast glaubt, man könnte sie knistern hören. Im Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Jatznick herrschte bereits geschäftiges Treiben. Marcel stand draußen, seine geliebte Kettensäge in der Hand, deren vertrautes Rattern immer wieder durch die Morgenstille schnitt. Mütze und Tino sortierten Seile und Gurte, während Scholle mit seiner gewohnten Ruhe die Aufstellung der Mannschaft koordinierte.
Nick und Jatz hingegen – nun ja, die beiden hatten sich wie üblich mit einem schelmischen Grinsen aus der allgemeinen Betriebsamkeit herausgezogen. „Jatz, schau mal da!“ flüsterte Nick verschwörerisch, als er im Lagerraum den alten Plastik-Weihnachtsmann entdeckte, der ein wenig staubig und wackelig, aber nicht minder beeindruckend in einer Ecke thronte. „Denkst du, was ich denke?“
Jatz folgte Nicks Blick und begann sofort zu kichern. „Den Typen auf den Baum zu setzen, das wäre doch der absolute Knaller!“ Und schon waren sie mittendrin in einem ihrer typischen Abenteuer. Offiziell hatten sie sich zur „Thermoskannen-Kontrolle“ gemeldet, doch in Wirklichkeit schmiedeten sie Pläne, die Bäume nicht nur aufzustellen, sondern sie mit einem Hauch von chaotischer Genialität zu krönen.
Der erste Baum war bereits gefällt und sicher von der Firma ISC zum Gerätehaus transportiert worden. Er stand stolz und gerade, ein Symbol perfekter Teamarbeit – jedenfalls bis Nick und Jatz ins Spiel kamen. Als die Kameraden sich dem zweiten Baum widmeten, ein majestätisches Exemplar vor dem alten „Rat der Gemeinde“, hatten die beiden Chaoten den Hubsteiger gekapert. „Auf geht’s!“ rief Nick, der den Weihnachtsmann triumphierend auf die Plattform hievte. Der Plan schien so einfach wie brillant: Weihnachtsmann hochfahren, befestigen, fertig.
Doch wie das bei Nick und Jatz so ist, lief nichts wie geplant. Die Fahrt mit dem Hubsteiger zum Baum gestaltete sich wackeliger als erwartet, nicht zuletzt, weil Jatz ständig an den Hebeln herumspielte. „Hör auf, sonst kippen wir noch um!“ rief Nick, während er sich verzweifelt am Weihnachtsmann festklammerte. Endlich erreichten sie die Spitze des Baumes, und mit einigem Gefluche und viel Kichern befestigten sie die Plastikfigur. Es hätte ein perfekter Moment sein können – hätte sich der Weihnachtsmann nicht plötzlich zur Seite geneigt, als wollte er vom Baum springen.
„Festhalten, Jatz!“ schrie Nick panisch, doch seine Rettungsaktion endete damit, dass er selbst kopfüber im Baum hing. Sein Feuerwehrgurt war das Einzige, was ihn davon abhielt, in einer Schneehaufen-Landung zu enden. Von unten drang plötzlich Gelächter zu ihnen hoch. Die gesamte Truppe hatte sich versammelt, um das Spektakel zu beobachten. Marcel war der Erste, der wieder die Fassung gewann. „Was macht ihr da oben? Weihnachts-Turnen?“ rief er, während Scholle bereits den Hubsteiger zurückorderte.
Die Rettung verlief turbulent. Jatz versuchte, Nick aus seiner misslichen Lage zu befreien, ohne dabei den Weihnachtsmann erneut ins Wanken zu bringen, während Scholle unten mit Marcel die Plattform sicherte. Es dauerte einige nervenaufreibende Minuten, doch schließlich war Nick wieder festen Bodens unter den Füßen, und der Weihnachtsmann saß – wenn auch schief – stolz auf der Baumspitze.
Am Abend, bei dampfendem Glühwein und funkelnden Lichtern, standen alle bewundernd vor dem Baum. Die schiefe Weihnachtsmannfigur verlieh ihm eine gewisse Schrulligkeit, die perfekt zum Jatznicker Charme passte. „Ich sag’s euch, das war eine geniale Idee,“ meinte Jatz und wischte sich noch ein paar Nadeln aus dem Haar.
„Genial?“ Marcel sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Das war lebensgefährlich – und irgendwie typisch für euch zwei.“ Doch er grinste dabei und prostete den beiden zu.
Und so wurde der schiefe Weihnachtsbaum samt seiner eigenwilligen Dekoration zum Gesprächsthema des Jahres und die Geschichte ein weiteres Kapitel im Buch der chaotischen Heldentaten von Nick und Jatz.
Maik L. Jatzbach
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