Feuerwehr

 
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Kapitel 26: Das Interview

Es war einer dieser verregneten Sonntage, an denen das Gerätehaus mehr an ein zweites Zuhause erinnerte als an eine einsatzbereite Institution. Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee hing schwer in der Luft, aus dem Flur klang das entfernte Ticken der Wanduhr, und irgendwo klapperten Einsatzstiefel gegen den Spindboden.


Nick und Jatz saßen an einem der langen Holztische, an denen schon viele Pläne geschmiedet und noch mehr Brote geteilt worden waren. Gegenüber: Micha, den Notizblock offen vor sich, den Blick ruhig, nicht bohrend – eher lauschend, wie jemand, der verstehen will.


„Was war euer Moment?“, fragte er. „Der Augenblick, in dem ihr wusstet: Ich gehöre hierher.“
Nick antwortete, ohne zu zögern. „Das erste Mal bei einem echten Einsatz. Es war dunkel, der Schlauch in der Hand, Blaulicht flackerte auf nassem Asphalt. Mein Herz raste. Aber nicht vor Angst – sondern, weil ich wusste: Ich will genau das tun. Ich will da sein, wenn’s drauf ankommt.“
Jatz ließ den Blick kurz ins Leere gleiten, dann schmunzelte sie. „Bei mir war’s auf dem Acker. Jugendfeuerwehr, Sommer, die Großen haben für den Wettkampf geübt – und ich durfte ausnahmsweise mit ran. Löschangriff nass, mit TS, Saugschläuchen, Strahlrohr, allem drum und dran. Ich war klatschnass, voller Schlamm, und trotzdem hab ich gestrahlt wie ein Weihnachtsbaum. Einer von den Großen klopfte mir auf die Schulter und sagte nur: ›Sauber gemacht.‹ In dem Moment wusste ich: Hier will ich bleiben.“


„Und was hält euch bis heute?“, fragte Micha.
Nick nahm einen Schluck Kaffee. „Weil ich niemanden im Stich lassen will. Wenn du da bist, zählt jede Hand. Wenn du fehlst, kann genau die eine Hand fehlen, die es gebraucht hätte.“
„Und weil es hier ehrlich zugeht“, ergänzte Jatz. „Du kannst dich nicht verstellen. Hier zählt, was du tust. Nicht, wie du redest.“


„Gab es auch Phasen, in denen es schwer war?“, wollte Micha wissen.
Nick lehnte sich zurück. „Klar. Wenn du das Gefühl hast, du gibst alles – aber keiner merkt es. Oder wenn du zum dritten Mal in Folge einspringst und irgendwann leer läufst. Dann brauchst du jemanden, der einfach sagt: ›Ich übernehme das.‹“
Jatz lachte leise. „Oder dir im Regen ein Käsebrot bringt, während du mit nassen Stiefeln Schläuche aufrollst.“


„Was bedeutet euch euer Spind?“, fragte Micha schließlich.
Jatz antwortete nach einem kurzen Zögern. „Er ist wie ein Portal. Kein Witz. Wenn ich ihn öffne, schlüpfe ich in eine andere Rolle – in die, die mitdenkt, mithilft, mitverantwortet. Und manchmal fühlt es sich wirklich an wie der Kleiderschrank aus Narnia. Du gehst hinein – und kommst in eine andere Welt.“
Nick nickte langsam. „Da drin hängt nicht einfach eine Jacke. Da hängt ein Versprechen. Nicht an die Feuerwehr – sondern an die Menschen, die draußen auf dich zählen. Und an die, die neben dir im Fahrzeug sitzen, wenn der Melder geht.“


Micha sagte eine Weile nichts. Dann: „Letzte Frage. Warum sollte jemand heute noch in die Feuerwehr gehen?“
Nick sah Jatz an. Dann sagte er: „Weil es kaum ein Ehrenamt gibt, das dir so viel zurückgibt – auch wenn es niemand sieht. Und weil, wenn du es nicht machst, vielleicht niemand da ist, der es tut.“
Jatz legte die Hand auf den Tisch. „Weil du hier wachsen kannst. Nicht für Likes oder Ruhm – sondern für andere. Für dich. Für dein Dorf. Und weil du, wenn du den Schlauch in der Hand hältst, plötzlich verstehst: Das hier ist wichtig.“


Draußen trommelte der Regen gegen das Fenster. Drinnen saßen zwei Geschwister, die nie vorhatten, Helden zu werden – und es doch sind, weil sie immer dann aufstehen, wenn andere Hilfe brauchen.

 

Maik L. Jatzbach

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Veröffentlichung

Sa, 17. Januar 2026

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