Feuerwehr

 
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Kapitel 25: Die große Apfelbaum-Panik

Eine wetterfeste Geschichte über Panik, Proviant und Pavillons

 

Es war einer jener späten Dienstage, an denen das Licht wie warmer Honig durch die Fenster fiel, während das Dorf bereits in ein stilles, abendliches Dösen überging. In der Küche des alten Hauses in der Dorfstraße stand Jatz über eine Steckdose gebeugt, drehte mit geübter Hand ein paar widerspenstige Drähte fest – in der Linken ein halb angebissenes Käsebrötchen, in der Rechten ein Schraubenzieher. Der Tag war lang gewesen, die Nacht versprach Ruhe. Doch dann vibrierte das Handy auf dem Tisch. Ein Blick, ein Zucken der Augenbraue, und ein Ruf hallte durch das Haus, der so manchen Alarmton alt aussehen ließ: »Nick! Alarm! Facebook!«

 

Nick, der im Garten seit geraumer Zeit einem störrischen Ahornbaum gut zuredete – einem jener Bäume, die mehr Weltschmerz als Laub trugen – tauchte mit schmutzigen Ellbogen und zerzaustem Haar hinter dem Fliederbusch auf. »Was’n los? Ist wieder jemand in den Graben gefahren?« Jatz hielt das Handy hoch wie ein belastendes Beweisstück. »Schlimmer. Apfelbaumchallenge. Wir wurden nominiert. Von der Feuerwehr Strasburg. Sieben Tage Zeit. Sonst – Einladung zur Sause.« Nick ließ den Gartenschlauch fallen, als hätte ihn der Blitz getroffen. Sein Blick verfinsterte sich. »Sieben Tage? Wenn wir das nicht machen, rücken die mit einem Reisebus voller Hunger und Geschichten an. Die bringen Papendorf mit, und vielleicht noch Neuensund im Gepäck!«

 

Was folgte, ging später als »Käsebrötchen-Krisensitzung« in die Dorfchroniken ein. Man setzte sich an den Gartentisch – beladen mit WhatsApp, Notizen, einem zweiten Käsebrötchen und angespannter Miene. Jatz diktierte, Nick tippte. Zwischenzeitlich wurden Eule, Micha, der Bürgermeister und halb Belling kontaktiert. Binnen Minuten hatte sich die Lage in der Gemeinde verbreitet wie ein Funke im Sommerstroh. Die Antwort kam rasch aus dem Amt: »Im Sommer einen Baum pflanzen? Keine gute Idee. Das Bäumchen verbrennt euch schneller als die Bratwurst auf dem Osterfeuer.« So wurde – mit kühlem Kopf und viel Fingerspitzengefühl – eine diplomatische Absage verfasst. Micha setzte sich an den Rechner, Jatz diktierte: „Liebe Kameraden aus Strasburg – wir pflanzen nicht im Hochsommer. Aber der Herbst kommt. Und dann grillen wir. Versprochen.“

 

Der Herbst kam.

Und mit ihm der 11. Oktober – jener Tag, an dem sich die Wolken wie gutmütige Zeugen über Jatznick und Belling legten und die Luft nach feuchter Erde und Bratwurst roch. Erste Station: Belling. Die Jugendfeuerwehr hatte sich bereits formiert – Schaufeln in der Hand, Apfelsaft in der Tasche, die Schuhe noch halb sauber. Raik, der ruhige Stratege des Tages, übernahm das Kommando. Der erste Baum wurde mit feierlichem Ernst und einem Hauch Abenteuerlust gesetzt. Erde wurde bewegt, Wurzeln sorgsam gebettet, ein letzter Fußtritt versenkte das junge Gewächs in seiner neuen Heimat. Man nickte. Man klopfte sich auf die Schulter. Es war gut. Ergebnis: 1 Baum, 0 Verletzte, 100 % Einsatz.

 

Dann: Rückfahrt im Konvoi. Begleitet von der Gemeinde, der aktiven Wehr, der Jugend, dem Bürgermeister – und mindestens drei Thermoskannen voller Glühwein, dessen Herkunft man besser nicht zu genau hinterfragte. Ziel: Der alte Sportplatz in Jatznick. Dort war bereits alles vorbereitet. Der Pavillon stand wie eine Zeltburg im Herbstwind, die Bänke waren aufgestellt, und zwischen Grill und Streuselschnecken wehten die Düfte vergangener Feste. Tino, Herrmann und Martin hatten die Feuerstelle unter Kontrolle – bewaffnet mit Zangen, Schürzen und einer erstaunlich professionellen Haltung. In den vorangegangenen Wochen hatten Eule, Anne und weiteren Kameraden, das organisatorische Rückgrat dieses Nachmittags gebildet. Alles lief wie geschmiert. Als hätte man die Checkliste auf der Rückseite einer Dienstvorschrift geschrieben.

 

Zwei weitere Apfelbäume fanden ihren Platz im Boden – gesetzt unter den wachsamen Augen des Bürgermeisters, dessen Blick zugleich staatsmännisch und rührselig wirkte. Dann trat die Jugendfeuerwehr zum Löschangriff an. Der Baum wurde nicht etwa sanft gegossen, sondern mit einem schmetternden Wasserstrahl begrüßt, der sich gewaschen hatte. Nick stand am Rand. Und plötzlich mittendrin. Seine Schuhe quietschten noch eine Stunde später.

 

Dann kam der Teil, auf den alle heimlich gewartet hatten. Grillen. Chillen. Glücklichsein.

Die Bratwürste zischten. Kinder rannten. Gespräche ergossen sich zwischen Bank und Pavillon. Der Bürgermeister nahm einen kräftigen Schluck vom Glühwein – »dienstlich, versteht sich« – und selbst Eule lächelte versonnen, während er einen heißen Apfelsaft probierte, frisch gepresst aus Eric's Äpfeln, der seine Säfte immer mit einem Hauch Stolz serviert. Nick kaute an seiner Bockwurst und sagte, den Blick auf die dampfenden Baumscheiben gerichtet: »Wahnsinn. Wer hätte gedacht, dass ein Apfelbaum so viel Wirbel macht.« Jatz lachte, schnappte sich eine Streuselschnecke und antwortete: »Wart’s ab. Im Frühjahr brauchen wir bestimmt einen Zaun gegen Rehe, Maulwürfe – und Apfelkuchen backenden Oma's.« Nick grinste. »Dann stell ich mich mit’m Schlauch daneben.«

 

Und so endete die Apfelbaumchallenge in Jatznick nicht mit einer Strafe, sondern mit drei gepflanzten Versprechen. Mit Matsch an den Schuhen, Würze in der Luft und Zusammenhalt im Herzen. Denn manchmal ist es eben nicht das Große, das zählt – sondern die kleinen Taten, die man gemeinsam tut. Ein Baum. Ein Schlauch. Eine Streuselschnecke. Und die beruhigende Gewissheit, dass man nie alleine stehen sollte, wenn man ein Teil der Feuerwehrfamilie ist.

 

Maik L. Jatzbach

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Veröffentlichung

Do, 16. Oktober 2025

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