Kapitel 20: Die Schlacht um die 1.000 Euro
Jatznick bereitete sich auf ein Ereignis vor, das gewiss in die Annalen der Dorfgeschichte eingehen sollte. Der Förderverein der Grundschule, die Gemeinde und die Freiwillige Feuerwehr hatten sich mit vereinten Kräften einer herausfordernden Aufgabe verschrieben: Innerhalb von nur ein paar Stunden mussten mindestens zweihundert Unterschriften auf einen überdimensionalen Scheck gesetzt werden, um weitere eintausend Euro für die Kleeblatt-Grundschule zu sichern. Die noble Aktion „Scheine für Vereine“, ins Leben gerufen von dem renommierten Sender Ostseewelle, hatte den beschaulichen Ort in rege Aufregung versetzt.
Seit den frühen Morgenstunden liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Cindy, eine mutige Einwohnerin Jatznicks und Kämpferin für die Grundschule, hatte mit einem beherzten Anruf bereits die ersten eintausend Euro für die Grundschule gewonnen, doch nun lag es an der Dorfgemeinschaft, auch die zweite Hürde zu nehmen. Während der Himmel in düsterem Grau verharrte und ein feiner, unaufhörlicher Nieselregen die Straßen in ein spiegelndes Band aus Nass verwandelte, walteten auf dem Schulhof die letzten emsigen Vorbereitungen.
Im Gerätehaus standen Eule und Stefan, die sich an dampfenden Kaffeetassen wärmten und über die bevorstehende Organisationsschlacht nachdachten. „Also gut“, sagte Eule und rieb sich die Hände. „Die Bratwürste sind organisiert, für zwei Euro kann sich jeder eine holen. Teller und Becher haben wir genug, Wasser gibt’s kostenlos. Die Moderatoren von Ostseewelle kümmern sich um die Musik und den Scheck. Aber wir müssen sicherstellen, dass auch genug Leute kommen.“ Nick und Jatz standen daneben und nickten eifrig. „Kein Problem!“ sagte Nick. „Ich hab da eine Idee!“ „Nein!“ riefen Eule, Stefan, Herr Seifert, Nico, Tino, Marcel und Frau Paul von der Schule gleichzeitig. Doch es war zu spät, denn keine zehn Minuten später rollte das Feuerwehrfahrzeug durch die Straßen von Jatznick, langsam und würdevoll wie ein königlicher Kahn auf nebelverhangenem Wasser. Das Blaulicht zuckte rhythmisch durch die Dämmerung, und aus dem Beifahrerfenster hing Nick, bewaffnet mit einem altersschwachen Megafon, das knisternd und mit gelegentlichem Rauschen seine Botschaft in die Welt hinausposaunte. „Bürger von Jatznick! Die Stunde der Entscheidung ist gekommen! Wer seinen Namen nicht auf diesen Scheck setzt, wird in den Geschichtsbüchern unserer Gemeinde nicht erwähnt werden! Kommt herbei, sichert die Zukunft unserer Kinder – und gönnt euch eine hervorragende Bratwurst für nur zwei Euro!“ Ein Fenster klappte auf, und eine empörte Stimme rief: „Nick, wenn du noch einmal so brüllst, werf ich dir eine Kartoffel an den Kopf!“ „Dann hoffe ich, es ist eine mehligkochende!“ rief Nick zurück und fuhr mit seinem Aufruf fort. Die Reaktionen waren gemischt – einige lachten, andere schüttelten den Kopf, doch überall tauchten neugierige Gesichter hinter Vorhängen auf. Alteingesessene Jatznicker beratschlagten sich an Gartenzäunen. Kinder rannten mit roten Wangen durch die Straßen und erzählten ihren Eltern von dem „wichtigen Ding in der Schule“.
Die Kunde verbreitete sich, und als das Feuerwehrauto zurück zum Schulgelände rollte, warteten dort bereits die ersten Menschen, mit Schirmen, Kapuzen und trockenen Kugelschreibern bewaffnet. Die Moderatoren von Ostseewelle hatten ihre Bühne unter einem Pavillon aufgebaut und schickten fröhliche Musik in die regenverhangene Nacht. „Kommt ran, kommt ran!“ rief einer von ihnen ins Mikrofon. „Hier geht’s nicht nur um Geld – hier geht’s um Gemeinschaft! Holt euch eine Bratwurst, trinkt ein Wasser – und setzt euren Namen auf den Scheck!“ Der Grill dampfte, und die Luft füllte sich mit dem verführerischen Aroma brutzelnder Würste. Feuerwehrleute jonglierten Teller, Fördervereinsmitglieder begrüßten die Ankommenden, und Stefan stand, mit einer Grillzange bewaffnet, an vorderster Front der kulinarischen Versorgung, - zusammen mit Vinzent, Eule, Hermann, Denise, Tino und Micha.
Nick, beseelt von seiner Aufgabe, rannte durch die Menge. „Hier, hier! Opa Günther, du hast noch nicht unterschrieben! Und du, Ingrid! Deine Unterschrift zählt doppelt, weil du so schön schreiben kannst!“ Jatz, die ein feines Gespür für Motivation hatte, schlich sich mit einem Becher Wasser an die Moderatoren heran und überreichte ihnen grinsend einen kleinen Zettel. „Lest ihr das mal vor?“ Der Moderator nahm den Zettel, warf einen Blick darauf und lachte. Er griff zum Mikrofon. „So, ihr Lieben, hier kommt eine ganz besondere Nachricht von unserer Feuerwehrfrau Jatz: Jeder, der unterschreibt, bekommt ein exklusives, Wangenküsschen von Nick!“ Nick, der gerade eine Dame in Richtung Scheck führte, blieb abrupt stehen. „WAS?!“ Ein Raunen ging durch die Menge. Kinder kicherten, Erwachsene grinsten, und einige testeten bereits provokant ihre Handschuhstärke. „Jatz…“ begann Nick langsam. Jatz hob die Hände. „Ich dachte nur, ein kleiner Anreiz könnte nicht schaden.“
Die Unterschriftenzahl stieg rapide an und Nick knutschte so einige kalte, raue Wangen von Damen und sogar einiger Herren. Die Minuten verstrichen, die Stifte kratzten über das Papier, und schließlich ertönte ein lauter Gong aus den Lautsprechern. „Leute, ihr seid der Wahnsinn!“ rief der Ostseewelle-Moderator. „Wir haben 550 Unterschriften! Der Scheck ist voll!“ Ein lauter Jubel brach aus. Es wurde geklatscht, gelacht, und während die letzten Würste auf den Tellern landeten, lehnte sich Nick erschöpft an einen Pavillonpfosten. „Jatz“, sagte er schließlich mit müder Stimme. „Wir sind quitt.“ Jatz grinste, hob ihren Becher mit Wasser und prostete ihm zu.
Und so endete ein weiteres chaotisches, aber glorreiches Abenteuer in Jatznick – mit nassen Füßen, vollen Bäuchen und einer Vereinskasse, die um 1.000 Euro gefüllter war.
Maik L. Jatzbach
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