Kapitel 24: Wenn ein Zahnrad aus dem Getriebe fällt
Ein lauer Wind strich über das Gras, das wie ein weiches grünes Tuch den Boden von Nicks Garten bedeckte. Die Äste des alten Apfelbaums schoben sich wie behutsame Finger gegeneinander, während das Licht der Nachmittagssonne sanft durch das Laub filterte. Die Welt schien innezuhalten – doch in Nick Nagels Brust rumorte es. Er saß auf der hölzernen Gartenbank, die er selbst gezimmert hatte, die Hände fest um eine Tasse lauwarmen Kaffee geschlossen. Das Getränk war längst vergessen. Seine Gedanken aber kreisten wie Möwen im Sturm.
Ein leises Knarren des Gartentors unterbrach seine Grübelei. Es war seine Schwester Jatz, die zielstrebig den Garten betrat. Ihre Werkstatthände waren noch leicht verschmiert von irgendeiner Schaltanlage, aber ihr Blick war glasklar. „Da bist du also“, sagte sie mit einem kaum hörbaren Lächeln, während sie sich neben ihn setzte. „Hab dich schon fast auf dem Mond vermutet, so selten wie man dich in letzter Zeit sieht.“ Nick presste die Lippen aufeinander. „Ich… ich weiß nicht. Irgendwie ist gerade alles zu viel. Die Arbeit, das Haus, Tessa, das Baby… und die Feuerwehr… das ist mir alles über den Kopf gewachsen. Manchmal weiß ich auch nicht mehr, wofür. Ist ja auch egal. Das ist ja freiwillig und es gibt genug andere.“ Jatz schwieg zunächst. Statt zu reden, ließ sie den Moment atmen. Der Apfelbaum raschelte verständnisvoll.
Schließlich sagte sie leise: „Weißt du, dass Eule in den letzten drei Wochen zweimal Marki bei der Gerätewartung helfen musste?“ Nick runzelte die Stirn, sah sie aber nicht an. „Und Denise hat die Kinderbetreuung übernommen. Tino hat den Küchendienst geschmissen. Marcel war zweimal hintereinander beim Gerätecheck – und beim Zeltaufbau letzten Freitag hast du gefehlt. Die anderen mussten doppelt so viel schleppen, weil du nicht da warst. Beim Grillen zur Schulabschlussfeier… da hat der Motivator und Organisator gefehlt. Weißt du, wer das sonst immer gemacht hat?“ Nick schwieg.
„Unter anderem, - DU“, sagte Jatz ruhig. „Du warst das. Du hast die Deko aufgehängt, die Musik organisiert, den Grill angeschmissen. Du warst der, der die Leute mitgerissen hat. Und jetzt… jetzt fehlt was. DU fehlst.“
Ihr Bruder sog die Luft ein, als wollte er etwas sagen. Doch er fand keine Worte. Also trank er einen Schluck seines längst kalten Kaffees und sagte stattdessen: „Ich hab einfach keine Energie mehr dazu. Außerdem, - warum muss ich immer ran? Wir haben so viele Kameraden.“ „Ja, kann sein“, erwiderte Jatz sanft, fast mütterlich. „Du hast gerade einen Hänger. Den hat jeder mal. Ehrenamt ist kein Hochleistungssport, bei dem man jeden Tag glänzen muss. Aber es ist auch nicht bloß das Tragen von Einsatzklamotten oder das Herumstolzieren bei Festen. Es ist mehr. Es sind alles deine Kameraden und viele Freunde.“ Sie deutete auf den Apfelbaum. „Schau mal. Der da trägt nicht jeden Tag Früchte. Aber er spendet Schatten, auch wenn er müde ist.“ Nick schmunzelte schwach. „Und du bist jetzt der Baumflüsterer, oder was?“ „Wenn's hilft, ja“, lachte sie. Dann wurde sie wieder ernst. „Wir sind eine Kette, Nick. Jeder ist ein Glied. Wenn eines fehlt, tragen die anderen mehr. Wenn zwei fehlen, zerreißt sie vielleicht. Jeder ist ein Zahnrad in dem Getriebe, - und du bist gerade rausgefallen. Klar kannst du mal fehlen. Aber wenn du dich immer zu rausnimmst, lässt du uns hängen, - lässt du deine Kameraden hängen. Nicht aus Bosheit – aber aus Nachlässigkeit. Und das ist das Schlimmste, was in der Feuerwehr passieren kann. Wir sind Familie, Freunde und Kameraden. Da muss jeder mal ran und nicht nur das tun, worauf er Bock hat.“
Nick atmete langsam aus. Es war ein tiefer Atemzug, als würde er das erste Mal seit Tagen wirklich durchatmen.
„Ja, stimmt schon. Da hast du recht. Aber manchmal ist es schwer. Es sind immer die selben. Ich will nicht schwach wirken, aber...“
„Weißt du, was Schwäche ist?“, unterbrach Jatz ruhig. „Nur zu erscheinen, wenn man Spaß dran hat. Sich einfach nicht mehr zu melden und für unsere Gemeinschaft da zu sein. Stärke ist, zu sagen: Ja. ich brauche mal eine Pause, aber doch für alle da zu sein. Stärke ist, trotzdem wiederzukommen. Und bei uns… ist dein Platz. Nicht nur im Einsatzwagen. Auch beim Pizzaabend. Beim Hüpfburgdienst. Beim Weihnachtsmann spielen. Und beim Aufräumen danach.“ Nick lachte leise. „Der Weihnachtsmann… ich hab letztes Mal den Bart fast vergessen.“ „Eben! Ohne dich ist das alles nur halb so chaotisch.“ Sie stupste ihn an, und er lächelte. Nicht gespielt. Nicht höflich. Sondern echt.
„Also… was meinst du?“, fragte Jatz. „Kommst du heute wieder mit? Oder willst du noch ein bisschen hier unter deinem weisen Apfelbaum sitzen und philosophieren?“ Nick erhob sich langsam, gähnte demonstrativ und streckte sich. „Ich glaube… der Baum sagt: Ich sollte los.“ „Dann los.“ Und gemeinsam verließen sie den Garten. Nicht als Held und Heldin. Sondern als Bruder und Schwester. Als Teil einer Gemeinschaft, die nur funktioniert, wenn man füreinander da ist – in guten wie in müden Zeiten.
🔥 Fazit:
In einer Feuerwehr zählt nicht nur der Einsatz – sondern auch alles dazwischen.
Es sind nicht nur Blaulicht und Adrenalin, die den Wert ausmachen, sondern die stillen, unbezahlten Stunden dazwischen: Zelt aufbauen im Regen, Bänke schleppen, Wurst wenden, Kinder betreuen, Geräte warten, helfen und für die Kameraden da zu sein – oft unsichtbar, selten gewürdigt.
Und manchmal brennt nicht das Haus, sondern die Seele.
Jeder kann mal nicht mehr. Jeder darf müde sein. Entscheidend ist nicht, dass man nie fällt – sondern dass man Menschen um sich hat, die einem wieder aufhelfen und das man für die anderen da ist. Kameradschaft heißt nicht nur Schulter an Schulter gegen das Feuer zu stehen – sondern auch nebeneinander auf der Gartenbank zu sitzen, wenn es innen brennt.
Denn Ehrenamt ist kein Titel – es ist eine Haltung.
Und diese lebt nur, wenn sie von vielen getragen wird. Das Im-Stich-Lassen breitet sich aus und demotiviert wie ein Lauffeuer weitere Kameraden.
Am Ende zählt nicht, wie viele Einsätze du gefahren bist – sondern wie viele Menschen sich auf dich verlassen konnten.
Maik L. Jatzbach
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